Nach der Eskalation des Streits zwischen Gegnern und Befürwortern der Kammerspiele sucht man nun nach Frieden

AfD rüffelt den OB

06.07.2022 | Stand 06.07.2022, 7:35 Uhr
−Foto: Schmatloch

Von Christian Silvester

Wäre das, was in der Kammerspiele-Debatte auf beiden Seiten derzeit aufgeführt wird, ein Theaterstück, würden sich sensible Feuilletonisten vielleicht sofort verzweifelt die Haare raufen. Und dabei entsetzt rufen: „Völlig überzeichnet! Schlichtestes Propagandatheater. Mit so was vergrault ihr alle Zuschauer!“

Doch eine Flucht in die Welt der Kunst ist hier keine Lösung. Der Konflikt zwischen den Gegnern und den Befürwortern des neuen Kleinen Hauses (Kammerspiele) ist Realität und gewinnt zweieinhalb Wochen vor dem Bürgerentscheid an Drastik. Als das Bündnis der Gegner vorige Woche mit Broschüren, Plakaten und Posts im Internet seine Nein-Kampagne startete, drohte die Debatte zu eskalieren. Auf beiden Seiten wurde es sehr, sehr ruppig. Die Gegner der Kammerspiele bezeichnen das geplante Kleine Haus (250 Sitzplätze) konsequent als „Palast“ für dessen Bau die Stadt – so suggerieren es die Motive und Slogans – Pflichtaufgaben vernachlässige, etwa die Sanierung von Schulen oder den Bau von Jugendtreffs. 

Auf der anderen Seite wurde das Feuer wenig zimperlich erwidert: OB Christian Scharpf (SPD) sieht in der Kampagne, wie berichtet, einen Ausdruck von „Trumpismus“ und „AfD-Stil in Ingolstadt“. Es sei eine Grenze überschritten. Das ärgert natürlich die AfD. Fraktionschef Oskar Lipp schrieb dem OB am Dienstag: Man verbitte sich das! „Wenn Sie unbedingt in der öffentlichen Presse Stilrichtungen, egal welcher Art, anprangern oder sich über diese auslassen möchten, bietet sich gerade im Moment eine gute Gelegenheit.“ Damit leitet Lipp zum nächsten Anlass heller Aufregung über: SPD-Stadtrat Achim Werner. Der hat am Wochenende auf Facebook die Plakatkampagne der Kammerspielegegner mit dem NSDAP- Hetzblatt „Der Stürmer“ in Zusammenhang gebracht.

Ein Nazi-Vergleich – musste das sein? Ein Anruf bei Werner. „Ich habe niemanden als Nazi bezeichnet“, sagt er. Vielmehr wollte er ausdrücken, dass ihn „die Methoden der Kampagne“ an den „Stürmer“ erinnern. Er werde diesen Vergleich aber „nicht mehr verwenden“, versicherte Werner. Es habe ihn gefreut, dass sich Armin Herker vom Bündnis der Gegner für das Plakat mit dem Slogan „Jugend auf der Straße – Theater im Palast“ entschuldigt habe. Er empfinde „Respekt für diese Entschuldigung“. In diesem Stil sollte es weitergehen.Das scheint der neue Ton zu sein. Viele Kombattanten bitten jetzt um Friedfertigkeit, appellieren an die Vernunft. Bevor alles noch hässlicher wird. 

Die Jugend hält den Älteren den Zeigefinger vor: „Die politische Stimmung in Ingolstadt ist derzeit so schlecht wie in einer ganzen Generation nicht“, schreiben Johannes Eibel und Julia Lebe von der Jungen Union. „Die Debattenkultur hat einen Tiefpunkt erreicht. Die Vorbildfunktion der Mandatsträger ist jüngst mehrfach verletzt worden.“ 

Auch Scharpf bemüht sich um neue Harmonie: „Die Diskussionen haben inzwischen nur schwer erträgliche Dimensionen angenommen“, heißt es in einer Erklärung. „Ich bitte alle – Befürworter wie Gegner – wieder zu einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema zurückzukehren. Wir sollten mit Argumenten überzeugen und nicht mit Schuldzuweisungen und Vorwürfen übereinander herfallen.“

Hans Stachel (FW) schreibt an alle Stadtratsmitglieder: „Mir ist es ein echtes Anliegen, dafür zu werben, dass die Diskussion nicht weiter eskaliert.“ Die Vertreter der Bürgerinitiative hätten „mit ihrer Entschuldigung und der Löschung der elektronischen Verbreitung des kritischen Jugend-Plakates bereits einen Schritt zurück gemacht, was ich angeregt habe und sehr begrüße“. 

„Wir wollen ruhig und gelassen bleiben und nur über die Argumente sprechen“, sagte Armin Herker. „Aber wegen des Informationsmonopols der Stadt stehen wir mit dem Rücken zur Wand, deshalb musste unsere Kampagne plakativ und provokativ sein.“ Einen anderen Weg habe man nicht gesehen. 

Zuerst wolle man das Projekt Kammerspiele stoppen. „Und in einem zweiten Schritt wollen wir eine tolle, kreative Lösung für Ingolstadt finden.“ Er habe schon viele Ideen.

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