Wie 1400 Helfer ein Mädchen suchten und fanden

Das Wunder vom Cerchov

12.10.2021 | Stand 12.10.2021, 20:32 Uhr
Suche −Foto: Feuerwehr Stadt Waldmünchen

Von Isabel Metzger und Verena Roider

Jubelschreie gingen Dienstagnachmittag durch die Reihen der Rettungskräfte. Julia (8) ist gefunden. Sie lebt. Es geht ihr gut. Zwei Tage und Nächte wurde bei Kälte nach dem Mädchen auf dem tschechischen Berg Cerchov gesucht.

Der Wettlauf gegen die Zeit ist in der Nacht auf Dienstag und auch im Laufe des Tages immer dramatischer geworden. Die Chancen, die seit Sonntagnachmittag auf dem tschechischen Berg Cerchov vermisste Julia noch lebend zu finden, sanken von Stunde zu Stunde. "Ohne Essen und Trinken schafft es ein Kind über zwei Tage", sagte Josef Weindl, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz, noch am Dienstagmorgen. "Die Kälte ist das große Problem." In den Nächten auf Montag und Dienstag haben sich die Temperaturen nachts um den Gefrierpunkt bewegt. "Jede Stunde ist wichtig", betonte Weindl.

Als die Zeitung ihn Dienstagnachmittag telefonisch um die Bestätigung der Twitter-Meldung der tschechischen Polizei bat, dass die Achtjährige entdeckt worden sei, war dem erfahrenen Polizeihauptkommissar die Erleichterung anzuhören. "Ja, sie ist gefunden worden. Sie lebt. Es geht ihr gut", sagte Weindl. Zu den näheren Umständen wisse er noch nichts; Vorrang habe für sie alle nach dem zweitägigen nicht nur körperlich, sondern auch psychisch belastenden Einsatz ohnehin die erlösende Nachricht, dass Julia wohlauf sei. Das Mädchen ist stark unterkühlt, aber unverletzt in ein Krankenhaus gebracht worden. Es sei ansprechbar gewesen. Forstarbeiter hatten sie bei Ceska Kubice gefunden. Diese waren aktiv in die Suche eingebunden. 

Helfer arbeiteten ohne Pause
Julia verschwand am Sonntagnachmittag bei einer Wanderung mit ihren Eltern, ihrem Bruder (6) und ihrem Cousin (9). Die Familie aus dem Großraum Berlin hatte den Berg Cerchov bestiegen. Dann aber verlor das Paar die Kinder aus den Augen. Am Montag hatte es von Seiten der Polizei noch geheißen, die Kleinen hätten zusammen gespielt und sich dann getrennt. Am Dienstag schilderte Polizeisprecher Weindl die Umstände in einer Pressemitteilung folgendermaßen: "Nach derzeitiger Sachlage gingen die drei Kinder voraus und entfernten sich dabei von den Erwachsenen. Nachdem die Kinder daraufhin nicht mehr auffindbar waren, wurden Rettungskräfte verständigt." Ein Radfahrer stieß wenig später auf die beiden Buben, die unversehrt zu dem Paar zurückkehrten. Julia aber war verschollen.

Etwa 1400 Einsatzkräfte und rund 115 Hunde suchten seit Sonntag gegen 17.30 Uhr nach der Schülerin im felsigen, dicht bewachsenen Gebiet zwischen den Städten Waldmünchen, Furth im Wald und Domazlice in Tschechien. Die Helfer kamen aus Deutschland und Tschechien, arbeiteten Hand in Hand, ohne Pause, Tag und Nacht. Dienstagmorgen reiste die Alpine Einsatzgruppe des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd in Rosenheim zusätzlich nach Tschechien. Die ausgebildeten Bergführer sind Spezialisten in diesem Gelände. Flächen wurden teilweise zwei- oder dreimal durchkämmt - mit Hunden, Menschenketten und Spezialfahrzeugen. Und trotzdem: Über zwei Tage lang keine Spur von der Achtjährigen. Auch Wärmebildkameras von Hubschraubern aus brachten keinen Erfolg, da die Baumkronen am Cerchov zu dicht sind.

Von einem Verbrechen ging die Polizei nicht aus. Das Mädchen habe sich wohl verlaufen. Denn: "Es ist ein schwieriges Gelände, ringsherum ist tiefer Wald", sagte auch die tschechische Polizeisprecherin Dana Ladmanova. Bei der Suche halfen deshalb Förster und Mitarbeiter des Nationalparks Böhmischer Wald (Cumava), die sich in dem unwegsamen Terrain auskennen.

So sehr berührte Julias Schicksal die Retter
Am Dienstagnachmittag erneuerte die Polizei schließlich die Öffentlichkeitsfahndung nach dem Mädchen. Die Ermittler gingen mittlerweile von einer lebensbedrohlichen und ernstzunehmenden Gefahr für die Vermisste aus, hieß es in einer Pressemitteilung, die kurz nach 14 Uhr ausgesteuert wurde. Nur wenige Minuten später die erlösende Nachricht: Julia, deren verzweifelte Eltern in der Zwischenzeit psychologische Betreuung erfuhren, wurde gefunden. Sie eilten am Dienstag zu ihrer Tochter. Zum Schutz der Familie, an deren Schicksal in den vergangenen Tagen viele Menschen in Tschechien und Bayern Anteil nahmen, sagte die Polizei nicht, wo Julia nun medizinisch und psychologisch behandelt wird.

Wie sehr die Situation auch die Helfer gepackt hat, schilderte am Dienstag Tobias Schiller von der Rettungshundestaffel Zwiesel (Landkreis Regen). Der Bayerwaldler war von Anfang an an der Suche nach Julia beteiligt. Am späten Sonntagabend um 22.30 Uhr sei er alarmiert worden. Als er erfahren habe, dass es sich bei der Vermissten um ein achtjähriges Mädchen handele, sei er sofort ins Auto gestiegen und losgefahren. "Da gab es kein Wenn und Aber", betonte Schiller. Die ganze Nacht über habe er zusammen mit fünf Kollegen und drei Hunden seiner Staffel den Wald am Cerchov durchkämmt. Es sei teils steil bergab gegangen. Die Hunde seien durch das dichte Dornengestrüpp am Wegesrand gar nicht durchgekommen, so seine Beschreibungen. Nach der vergeblichen Suche in der Nacht auf Montag ging Tobias Schiller ohne Schlaf direkt zur Arbeit. "Ich habe mich nur geduscht und umgezogen." Und während des Tages beschäftigte ihn Julias Schicksal weiter. "Ich habe den ganzen Tag telefoniert", sagte Schiller, weil er wissen wollte, ob das Mädchen endlich entdeckt wurde.

Als auch die Suche in der Nacht auf Dienstag keinen Erfolg brachte, "dann gibt man halt die Hoffnung auf, denn es ist eiskalt und nass", räumte Schiller ein. Zudem steige der Aktionsradius der Vermissten stündlich, ja sogar minütlich, was einen glücklichen Ausgang erschwere. "Sie wird versucht haben, zur nächsten Straße oder zum nächsten Dorf zu kommen", mutmaßte Tobias Schiller.

Als ihn am Dienstag die erlösende Nachricht, dass Julia lebt und wohlauf ist, von einem Kollegen überbracht wurde, saß er gerade im Auto. "Ich musste stehenbleiben." So sehr berührte ihn persönlich dieses glückliche Ende und so groß war auch die Erleichterung. "Man hat ja selber Kinder", sagte Tobias Schiller über seinen ersten Einsatz, bei dem er mit seinen Spürhunden nach einem erst achtjährigen Mädchen gesucht hatte.

Innenminister Herrmann: "Wir haben alles mobilisiert"
"Da sind beim einen oder anderen Tränchen geflossen", sagte auch Florian Beck, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz, über den belastenden Einsatz für die Helfer. So eine Erleichterung habe er in seiner Laufbahn noch nie erlebt.

Die Rettungskräfte sind in den vergangenen Tagen regelrecht über sich hinausgewachsen. Dieses außerordentliche Engagement würdigte am Dienstag auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. "Gott sei Dank konnte Julia noch rechtzeitig entdeckt werden. Viel Zeit wäre bei den jetzigen Witterungsbedingungen sicherlich nicht geblieben. Wir alle haben mitgefiebert. Jetzt hoffe ich, dass sich Julia schnell von den Strapazen der letzten Tage erholt", nahm der CSU-Politiker in einer Pressemitteilung am Schicksal der Schülerin aus Berlin Anteil. Zudem zeigte er sich vom unermüdlichen Rund-um-die-Uhr-Einsatz der Suchkräfte und der Kooperation zwischen den bayerischen und tschechischen Helfern beeindruckt. "Unsere Einsatzkräfte haben länderübergreifend hervorragend zusammengearbeitet. Hier sieht man einmal mehr: Die Hilfeleistung kennt keine Grenzen. Gerade auch die vielen Ehrenamtlichen waren bei der Suche eine große Unterstützung." Herrmann weiter: "Wir haben alles mobilisiert, Bereitschaftspolizei, Hundestaffeln, Hubschrauber mit Wärmebildkameras, Drohnen und Suchtrupps der Alpinen Einsatzgruppe. Letztlich war es dann ein Quäntchen Glück, dass ein in die Suchaktion eingebundener tschechischer Förster das Mädchen gefunden hat."

Ähnlich äußerte sich der Chamer Landrat Franz Löffler in einer Pressemitteilung: "Viele Stunden des Bangens und der Ungewissheit sind nun vorüber und die Suche ist Gott sei Dank positiv beendet." Polizei und alle beteiligten Hilfsorganisationen hätten "eine absolut professionelle Suche geleistet". Schon am Montagvormittag habe es Hinweise der Spürhunde gegeben, dass sich Julia in Richtung Fichtenbach in Tschechien verirrt haben könnte. "Auch deshalb positionierten sich die Einsatzleitungen der unterschiedlichen Hilfsorganisationen am Grenzübergang Furth im Wald, um von dort auch alle weiteren Maßnahmen zu koordinieren. Nun wurde das Mädchen dort in der Nähe auch gefunden", so Löffler.

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