Aufarbeitungskommission der Diözese Eichstätt veröffentlicht Zwischenbericht zu sexuellem Missbrauch minderjähriger Mädchen

„Umfang des Grauens war mir nicht bekannt“

24.11.2022 | Stand 24.11.2022, 11:34 Uhr
Bischof Hanke −Foto: Anika Taiber-Groh/pde

Die Unabhängige Aufarbeitungskommission (UAK Eichstätt) hat an diesem Donnerstag ihren Zwischenbericht zu dem Eichstätter Priester veröffentlicht, der unter dem Kürzel FD-04 bereits Bestandteil des Fidei-Donum-Berichts der Deutschen Bischofskonferenz und Adveniat war. Es handelt sich bei dem Fall um sexuellen Missbrauch durch einen Priester des Bistums Eichstätt an minderjährigen Mädchen in den 1960er Jahren. Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Berichts bittet das Bistum Eichstätt Betroffene des Eichstätter Priesters FD-04 sowie Zeuginnen und Zeugen, sich zu melden, um die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs weiter zu unterstützen.

Bischof Gregor Maria Hanke bedankte sich für die Arbeit und Mühen bei der Aufarbeitung bei der UAK Eichstätt. Das intensive Engagement der UAK gebe die Möglichkeit zur Vergangenheitsbewältigung und wichtige Hinweise zur Überarbeitung von Strukturen, um derartige Fälle künftig zu verhindern.

Neue Erkenntnisse
In den vergangenen Monaten hat Generalvikar Michael Alberter im Zuge der gesonderten Aufarbeitung die früheren Einsatzorte des Priesters besucht und diese mit der Präventionsbeauftragten Gabriele Siegert und teils mit der externen Ansprechperson Felizitas Schweitzer über den aktuell bekannten Sachverhalt informiert. Zugleich hat er Betroffene eingeladen, sich bei der Diözese bzw. den unabhängigen Ansprechpersonen zu melden.

Infolge der jüngsten Berichterstattung hat das Bistum bereits neue Erkenntnisse erhalten. Der Priester war laut Zeugenaussagen auch im Seniorenheim in Schwabach, in dem er während seines Ruhestands von 2006 bis 2012 als Seelsorger tätig war, übergriffig gegenüber Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen. „Die neuesten Erkenntnisse aus Schwabach sind erschütternd und beschämend. Wir sind dankbar für jede neue Meldung, um den Fall vollständig aufzuarbeiten, “ sagt Generalvikar Alberter.

Eine weitere neue Erkenntnis der gesonderten Aufarbeitung ist die unterlassene Meldung des Umzugs von FD-04 in das Erzbistum Bamberg nach seinem Aufenthalt im Seniorenheim in Schwabach, aus denen das Bistum Eichstätt weitere Konsequenzen ziehen werde „Dass das Bistum Eichstätt nicht über die verbrecherische Vergangenheit des Priesters informiert hat, zeigt eine Schwachstelle in unserem System, die wir umgehend beheben müssen. Die kirchenrechtlichen Vorgaben wurden bei der Führung der Personalakten nicht hinreichend umgesetzt. Um ein solches Versäumnis in Zukunft zu verhindern, habe ich bereits veranlasst, dass Personalakten nochmals gesichtet und entsprechend den Vorgaben geordnet werden müssen. Deswegen werden wir auch die schon geplante Neuorganisation der Personalverwaltung beschleunigen“, kündigte Alberter an.

Bischof Hanke zeigt sich zutiefst erschüttert über den Fall, der in dem vorliegenden Zwischenbericht der UAK Eichstätt näher beleuchtet wird. Aus heutiger Perspektive räumt er selber eigene Fehler in diesem Fall ein: „Ich muss selbstkritisch anmerken, dass ich nach ersten Gesprächen aus dem Jahr 2010 sofort hätte reagieren müssen. Die Tatsache, dass von einem Täter auch in hohem Alter in einem Seniorenheim noch Gefahr ausgehen kann, habe ich mir damals nicht vorstellen können. Der Umfang des Grauens war mir nicht bekannt. Das war ein großer Fehler, aus dem ich schmerzhaft gelernt habe.“

Neubewertung von Bischof Alois Brems
Die Erkenntnisse erhärten sich zunehmend, dass Bischof Brems den Fall nicht nur vertuscht hat, sondern den Priester bei seiner Flucht vor der Polizei geholfen hat. Er war demnach vollumfänglich informiert, hat jedoch keine Gegenschritte eingeleitet. „Trotz der zahlreichen schweren Verfehlungen des Priesters in den 1960er Jahren, die bei seinen Opfern großes Leid ausgelöst haben, wurde er in seiner verbrecherischen Handlungsweise nicht gestoppt“, sagt Bischof Hanke. „Dass diese Taten ausgeführt und zudem aktiv vertuscht wurden, ist ein erschütternder Vorgang, der restlos aufgearbeitet werden muss.“ Als unmittelbare Konsequenz gelte es nun, das Erbe von Bischof Alois Brems neu zu bewerten. „Ich bitte zudem die Kommunen und Institutionen, die Bischof Brems gewürdigt haben, das Gedenken an ihn ihrerseits zu überdenken“, führt Hanke aus.

Die Diözese hat bereits die Schutzfrist auf den schriftlichen Nachlass von Bischof Alois Brems von 60 auf 30 Jahre heruntergesetzt, sodass der Nachlass der UAK Eichstätt für die weitere Aufarbeitung zur Verfügung gestellt werden kann. Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um ein umfassendes Bild vom Handeln der damaligen Verantwortlichen zu erhalten. Dies gilt auch für den schriftlichen Nachlass von Kardinal Joseph Schröffer, der FD-04 trotz erster Hinweise auf Distanzlosigkeit gegenüber Frauen zum Priester geweiht hatte. Auch die Jugendstiftung hat bereits Anfang Oktober ihre Konsequenzen gezogen, indem sie den Bischof-Alois-Brems-Preis einstimmig eingestellt hat. Über einen möglichen neuen Jugendpreis für die Förderung der Arbeit von und für die Jugend wird noch in diesem Jahr beraten.

Unterstützung für die UAK Eichstätt
Die UAK Eichstätt hat mit ihren gesonderten Recherchen in diesem Fall zeitnah nach der Veröffentlichung des Fidei-Donum-Berichts begonnen, um diesen mit dem Aktenstand des Bistums Eichstätt zu ergänzen. Für eine weiterführende Recherche will die UAK Eichstätt weitere Akten bei der Canisiusstiftung Ingolstadt, der Benediktinerabtei Münsterschwarzach und missio München anfragen. Bei diesen Recherchen unterstützt das Bistum Eichstätt die UAK in ihrem Anliegen vollumfänglich. „Wir werden die betreffenden Institutionen bitten, ihre Akten zu dem Fall der UAK Eichstätt zur Verfügung zu stellen“, sagt Generalvikar Michael Alberter.

Die UAK Eichstätt wird zudem ein Rechtsgutachten in Auftrag geben, das sowohl eine strafrechtliche als auch kirchenrechtliche Würdigung des Sachverhalts leisten soll. Bestandteil des Gutachtens wird das Verhalten der Verantwortlichen der älteren sowie jüngeren Vergangenheit sein.

Aufruf für die Aufarbeitung
Die UAK Eichstätt hat im Zuge ihrer Vorbereitungen auf das Aufarbeitungsprojekt im ersten Halbjahr 2022 die einschlägigen Personalakten gesichtet. Aufgrund der Veröffentlichung des Fidei-Donum-Berichts von der Deutschen Bischofskonferenz und Adveniat im August hat die UAK Eichstätt sehr zeitnah nicht nur Adveniat kontaktiert, sondern auch einen eigenen Zwischen-Bericht über den erwähnten Priester erstellt. Die Erkenntnisse hieraus sollen in das diözesane Aufarbeitungsprojekt eingearbeitet werden. Die Diözese unterstützt die UAK Eichstätt in ihrem Anliegen, die Geschehnisse im Bistum aufzuarbeiten.
Damit der Sachverhalt weiter aufgeklärt werden kann, bittet das Bistum mögliche Betroffene und Zeitzeuginnen und -zeugen, sich beim Krisentelefon, den externen Ansprechpersonen oder dem Betroffenenbeirat zu melden, um die Aufarbeitung zu unterstützen und Betroffenen und Opfern bestmöglich beistehen zu können. Der Zwischenbericht der UAK Eichstätt ist auf www.uak-eichstaett.de abrufbar. (ty)