Tatort Donaustraße

26.04.2021 / 14:15
Von Denunzianten, Sondereinsatzkommandos und Kaffee-to-go-Terroristen
Tatort1
Tatort1 (Autor: Schmatloch)

Von Michael Schmatloch

Tatort Centrale. Mit neun Mann rückt vergangene Woche das Sondereinsatzkommando in der Bar Centrale an. Aber anders, als man es aus Krimis kennt. Ohne schwere Waffen und schusssichere Westen. Schließlich geht es ja auch nicht um einen Sprengstoffanschlag von Al Kaida, sondern lediglich um ein paar Kaffee-to-go-Terroristen, die mit ihrem Becher in der Hand friedvoll auf der Terrasse vor dem Lokal stehen. Polizei, Ordnungsamt und Gesundheitsamt, so sieht in Corona-Zeiten ein Sondereinsatzkommando aus, das – den Fotos und Hinweisen eines anonymen Denunzianten folgend – der Einhaltung der Infektionsschutzverordnung zu ihrem Recht verhelfen will und am Tatort aufschlägt. 

Tatort2
Tatort2 (Autor: Schmatloch)

Nahezu alle Lokale in der Schanzer Kaffee-Meile bekommen diesen Besuch. Und ein amtliches Schreiben, in dem zu lesen steht, dass bei „mitnahmefähigen Speisen und Getränken“ ein „Verzehr vor Ort“ untersagt ist. 

„Anhand eindeutiger Bilder und Mitteilungen wurden wir darüber unterrichtet, dass sich im Einflussbereich ihrer Gaststätte Ansammlungen von Menschen bilden, welche Getränke/Speisen konsumieren und/oder sich unterhalten“, heißt es in der „Zustellungsurkunde“ des Ordnungsamtes, „diese Personen tragen weder eine hinreichende Mund-Nasen-Bedeckung, noch halten sie den Mindestabstand von 1,5 m ein.“

Da nun die Betreiber der Lokale auch für die von ihnen angemieteten Außenbereiche verantwortlich sind, droht ihnen eine saftige Strafe, wenn jemand dort seinen Kaffeebecher leert. 

Das gilt, wie ein benachbarter Lokalbetreiber erfahren durfte, selbst dann, wenn das Lokal geschlossen ist. Tatort Mohrenkopf. Obwohl Claus Häring alle Tische und Stühle seines Lokals zusammengebunden hat, sind offenbar ein paar Leute von dem fotoflinken Denunzianten dabei ertappt worden, wie sie sich dennoch auf dem Gelände vor dem geschlossenen Lokal aufhielten. 

Tatort4
Tatort4 (Autor: Schmatloch)

Ein paar Meter weiter in Sandros neuem Café Corso ist die Situation nicht anders (natürlich nicht Sandros Lokal, sondern dass seiner Schwester. Soviel Präzision muss schon sein). Auch er (oder sie) hatte mehrfach amtlichen Besuch und hat nun ob der drohenden Strafen die Terrassenmöbel mit Absperrbändern versehen. Es sieht aus wie auf einer Großbaustelle. Wie im Übrigen auch vor der Centrale, wo Bodenmarkierungen den verbotenen Terrassenbereich beschreiben und rot-weiße Klebebändern die städtischen Steinblöcke als Reich des Bösen kennzeichnen.

Tatort3
Tatort3 (Autor: Schmatloch)

Irgendwie muss es aus Sicht der städtischen Ordnungshüter doch zu schaffen sein, den kläglichen Rest sozialen Lebens auch noch abzuwürgen. Und dieses Ziel scheint bald erreicht. Jetzt stehen die Kaffee-to-go-Terroristen eben auf dem gegenüberliegenden Gehsteig, trinken ihren Cappuccino-to-go (ohne Maske!) und reden miteinander. Wie verabscheuungswürdig, Menschen, die tatsächlich miteinander sprechen. 

Ja und irgendwie muss es doch auch zu schaffen sein, den gebeutelten Gastronomen das to-go-Geschäft auch noch zu vermiesen, damit sie endlich pleite gehen. Es lebe die Innenstadt.

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