"Letztlich müssen es die Kinder ausbaden"

21.11.2020 / 11:36
Wie stark stehen Schüler im Ausnahmezustand wegen der Notengebung unter Druck? Fachleute berichten
Schule
Schule (Autor: Pixabay)

(ty) Anfang November kam im Kultusministerium ein, wie man so sagt, Brandbrief an, der diesen Namen verdient. Gut möglich, dass es in der Behörde gewaltig geraucht hat. Absender war die Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern. Die kritischen Mütter und Väter fuhren gegen Kultusminister Michael Piazolo (FW) die schwere Artillerie auf. Sein Ministerium habe "den Takt der Leistungserhebung seit Schuljahresbeginn so massiv forciert, dass die Kinder und mit ihnen die Familien nur noch ächzen". Und: "Wie soll nun von Kindern der im letzten Jahr versäumte Stoff nachgelernt werden, wenn gleichzeitig neue Inhalte verinnerlicht werden sollen? " Statt Druck von den Schülern zu nehmen, "wird geprüft, was die rote Tinte hergibt". Das Versprechen, "zunächst die von der ersten Welle versprengten und verlorenen Kinder einzusammeln, wird Tag für Tag gebrochen". So donnerten die Eltern dahin. Inzwischen hat eine Aussprache mit Piazolo stattgefunden. Der größte Dampf soll raus sein. Wie berechtigt ist diese Kritik? Wie viele Schüler stehen im Corona-Ausnahmezustand stark unter Druck? Und wie viele Lehrer übertreiben es mit dem Notengeben? Ein Eltern- und zwei Verbandsvertreter berichten.

 

Grund- und Mittelschulen

Ingolstadt sei in einer "glücklichen Lage", weil es hier wegen des hohen Migrantenanteils für Grund- und Mittelschüler viele zusätzliche Förderstunden gebe. Die würden jetzt zum Nachholen des versäumten Stoffe genutzt. Man spricht von Brückenangeboten, berichtet Karin Leibl, die Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) sowie Personalratsvorsitzende für die Grund- und Mittelschulen in Ingolstadt. Sie hat in ihren Schulen sowie im Staatlichen Schulamt Ingolstadt nachgefragt. "Die Förderung sprachlich benachteiligter Schüler ist gewährleistet. " Das laufe erfreulich.

Doch Probleme, die seit Langem bestehen, wirken sich Leibl zufolge im Ausnahmezustand um so gravierender aus: "Die Pandemie trifft auf den Lehrermangel. Wir haben vor allem zu wenige Mittelschullehrer und auch zu wenige Förderschullehrer. " Dem gegenüber: sehr viele schwangere Kolleginnen.

Sie bittet um Verständnis dafür, wenn die Kolleginnen und Kollegen eifrig Zensuren geben. "Sie müssen ihre Notenpläne voll bekommen, um rechtssicher zu sein. In den vierten Klassen haben sie auch noch den Übertritt im Gnack", erklärt Leibl auf gut Bairisch. Zudem wappnen sie sich für Wechselunterricht mit geteilten Klassen und im schlimmsten Fall für die Schließung aller Schulen mit Distanzunterricht. "Da wollen die Lehrer was in der Hand haben. Es geht auch um die Chancengleichheit für die Schüler. "

Die Lehrerinnen und Lehrer seien darum bemüht, keinen Druck aufzubauen. Karin Leibl bittet um Vertrauen in die Beratungskompetenz der Lehrkräfte und deren Gespür für die Kinder, auch für "Wackelkandidaten", die zum Beispiel mit der Note 5,5 in einem Kernfach auf Probe vorgerückt sind und jetzt besonders unter Druck stehen. Da müsse man differenzieren: "Kinder, deren Eltern Nachhilfe bezahlen können, sind im Vorteil. Kinder, deren Eltern das nicht können oder alles laufen lassen, schaffen es oft nicht. "

Karin Leibl wünscht sich von der Staatsregierung in der Krise "mehr Rechtssicherheit vor Ort und den bestmöglichen Schutz der Gesundheit von Schülern und Lehrern". Dazu gehören für sie auch Gesundheitsämter, die bei Fragen zur Corona-Quarantäne auskunftsfähig sind.

 

Realschulen

Maximilian Schuster unterrichtet an der Fronhofer-Realschule Geschichte und Englisch. Seit 2018 ist er zudem Vorsitzender des Realschullehrerverbandes im Bezirk Oberbayern-West. Dort gibt es 55 Realschulen. "Ich habe alle angeschrieben", erzählt der 38-Jährige. Er kennt die Klagen über hektische Leistungserhebungen. Mit einstimmen will er aber nicht. "Es gibt bestimmt solche Fälle. Aber das Bild von den Lehrern auf Notenjagd lehne ich ab. Es werden nirgendwo auf Teufel-komm-raus Schüler gequält. " Das bestätigten ihm seine 55 Realschulen. Druck bei der Notenvergabe sei gar nicht nötig. "Wir Lehrer haben genügend pädagogischen Freiraum, und den nutzt jeder. Jeder kennt seine Klasse und weiß, wo sie steht. Auf dieser Basis werden die Noten gemacht - mit Augenmaß. "

Als Verbandsvertreter richtet Schuster kritische Worte Richtung bayerisches Kultusministerium: Es gäbe Möglichkeiten, den Druck auf die Schüler zu senken. "Man könnte zum Beispiel die Zahl der Leistungsmessungen nach unten korrigieren - aber da ist wenig gekommen. " Stattdessen würden zugesagte Förderstunden gestrichen, weil die Lehrer dafür fehlen.

Die Realschulen wünschen sich außerdem "Rechtssicherheit von oben" und klare Vorgaben zur Corona-Prävention, etwa bei der Quarantäne. "Kein hin und her mehr! " Schuster missfällt es, "dass die Pläne komplett über Bord geworfen wurden". Eigentlich sollten die Schulen ab einer Inzidenz von 50 zum eingeschränkten Wechselunterricht übergehen. Bis vor Kurzem lag dieser Wert über 200 - "aber die Schulen werden trotzdem offen gehalten". Gesundheitsvorsorge und die Fürsorgepflicht des Staates stelle er sich anders vor, sagt Schuster.

 

Gymnasien

Natürlich kennt er den an einen Hilferuf erinnernden Brief der Eltern an Piazolo. Jörg Steinwagner ist ein engagiertes Mitglied der Landes-Vereinigung. Er trägt den Inhalt aber nicht in aller Dramatik mit. Er kennt Berichte über Fälle, in denen Lehrer aus Angst, dass die Schulen bald wieder geschlossen werden, mit hohem Tempo Noten vergeben. "Aber andere berichten, dass alles im gewohnten Rahmen abläuft, und sich die Schulen im Großen und Ganzen an die Regeln halten, etwa nur zwei Schulaufgaben pro Woche. " Die angeführten Vorfälle "sind passiert, und diese Ausreißer dürfen nicht zum Standard werden".

Grundsätzlich sei es schwierig, generelle Aussagen über die Arbeit der Schulen in der Krise zu treffen, weil sich ein sehr heterogenes Bild biete: "An manchen Schulen hat der Distanzunterricht gut geklappt, an anderen nicht. Viele Lehrer haben sich sehr engagiert, haben den Kindern die Hausaufgaben hinterhergefahren, andere haben nur Arbeitsanweisungen per E-Mail verschickt. " Was wo wie und aus welchen Gründen so gelaufen sei, wie es gelaufen ist, "kann man auf jeden einzelnen Lehrer runterbrechen, deshalb ist es auch so schwer, die Frage zu beantworten, wie man die Defizite aufholt". Er spricht von einem "vielschichtigen Dilemma", das man mithin daran erkenne, "dass die Bildungspolitik derzeit von den Gesundheitsämtern betrieben wird".

Das Kultusministerium habe das Vorrücken auf Probe leichter ermöglicht, berichtet Steinwagner, der dem Elternbeirat des Apian-Gymnasiums angehört. Aber es müsse mehr kommen, um die Benachteiligung vieler Schüler abzufedern, findet er; in einigen Jahrgangsstufen sind zwischen März und Juni über 60 Unterrichtstage ausgefallen. "Diese Zeit ist weg für die Kinder. Und offenbar hat man es nicht auf dem Schirm gehabt, dass wir heute stärkere Probleme mit dem Virus haben als im März. Man war zu optimistisch. Letztlich müssen es die Kinder ausbaden. " Die Verantwortlichen hätten zu wenig getan, um den Druck, der jetzt auf den Schulen laste, zu senken. "Das ist der Skandal. "

Christian Silvester
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