Ingolstadt feiert friedlich

27.07.2020 / 08:37
Mehr Abstand, ohne Maske: Wer keine Lust auf volle Bars hat, trifft sich lieber an öffentlichen Plätzen

Lisa (von links), Sarah und Lena sitzen auf den Stufen vor dem Stadttheater und fühlen sich dabei ein wenig an Regensburg erinnert. (Autor: Tanja Stephan)

(ty) Die lauen Temperaturen haben viele Menschen genutzt, um den Samstagabend im Freien zu verbringen - auch, weil sie sich Corona-bedingt nicht unbedingt vor die vollen Bars oder Cafés setzen wollten. In Ingolstadt gibt es dabei nicht den einen Platz: Die Feiernden verteilen sich über die ganze Stadt, wie ein Streifzug zeigt.

Die Tischtennisplatten im Hindenburgpark werden vor allem am Wochenende gerne von verschiedenen Gruppen als Treffpunkt genutzt, wie Anwohner des Piusviertels feststellen können. Oft hinterlassen sie haufenweise Abfall rund um den Spielplatz, über den sich Eltern und Kinder am nächsten Morgen ärgern müssen. Anders die neun Männer zwischen 20 und 30, die die DK-Redakteurin am Samstag gegen 21.30 Uhr kameradschaftlich in ihrer Mitte aufnehmen. "Im Gegensatz zu vielen anderen, die hier feiern, räumen wir unseren Müll auf", versichert einer, ohne konkret darauf angesprochen zu werden.

Mit seinen Freunden trifft er sich hier vor allem seit Corona, "weil wir die Natur mögen, das Wetter gut ist und wir alle in der Nähe wohnen". Am Samstagabend haben sie einen Bierkasten dabei, Musik läuft. Chubby Checkers "Let's Twist Again" schallt aus der Box, und einige fangen tatsächlich zu tanzen an. "Jeder und jede ist herzlich eingeladen", antwortet einer auf die Äußerung, dass die Gruppe nur aus Männern besteht. Mit anderen Besuchern des Parks haben sie noch nie negative Erfahrungen gemacht, bei Bedarf räumen sie die Platten frei. "Wir besaufen uns nicht, wir spielen hier selber gerne Tischtennis und Basketball", sagen sie. Die meisten sind keine großen Clubgänger, gerade auch, weil sie das Nachtleben in Ingolstadt nicht gerade prickelnd finden - vor Corona, und jetzt erst recht nicht. "Für Azubis und Studenten ist es überall teuer", meint einer. "Dann machst du eben deine eigene Party."

Das denken sich offenbar auch viele in der Innenstadt. Es ist zwar massig los - die Nachtschwärmer strömen durch die Fußgängerzone, vor den Bars, Cafés und Eisdielen ist kaum ein freier Platz. Dazwischen finden sich allerdings auch etliche, die keine Lust auf die trotz Corona übervollen Gastro-Außenbereiche haben. "Es hält sich keiner mehr an die Regeln", moniert ein Mann mit Blick auf eine Cocktailbar. "Wenn sie ernsthaft kontrollieren würden, müssten sie alles dicht machen."

Am Anfang der Theresienstraße sind alle Sitzbänke besetzt, die Feiernden haben ihr eigenes Bier mitgebracht oder Getränke to go in der Hand. Gesprächsfetzen über die vorbeifahrenden Autos sind zu hören, es herrscht gute Laune. Auf den Stufen vor dem Münster sitzen Lena, Phillip, Laura und Sabine, den Platz haben sie sich spontan ausgesucht. "Man ist mitten in der Stadt und kriegt alles mit", begründet Lena. Die Freunde haben sich Pizza besorgt und beobachten das Treiben rundherum. Normalerweise gehen sie ins Suxul oder ins Viva in Geisenfeld. Seit Corona treffen sie sich hauptsächlich daheim. "Jetzt ist es wieder besser, man fühlt sich wohler, aber wir bleiben lieber unter uns", sagt Phillip.

Unter sich sind auch die wenigen Menschen auf den bepflanzten Bänken am Rathausplatz. Sie essen ein Eis, blicken auf ihre Smartphones oder lauschen einfach der Musik aus dem gut besuchten Café Moritz. Der Rathausplatz ist zumindest an diesem Samstagabend gewiss keine Feiermeile. Sogar einige Familien mit Kindern schlendern zu später Stunde noch vorbei.

Am Theaterplatz ist das anders. Viele kleine Grüppchen sind hier zu sehen, sie versammeln sich rund um die Bänke, Treppen und den Brunnen. Und offenbar sind so einige Wiederkehrer darunter, wie Lisa, Sarah und Lena feststellen. Die Freundinnen aus Ingolstadt sitzen auf den warmen Stufen vor dem Stadttheater direkt unter dem Schriftzug "Herz der Stadt". Sie haben sich einen Aperol Spritz am Viktualienmarkt besorgt, manchmal bringen sie aber auch ihre eigene Flasche Wein mit. "So ist es billiger als in den Bars, und man findet immer einen Platz", meint Lisa.

Wie Lena hat die 25-Jährige in Regensburg studiert. "Von dort sind wir es gewohnt, auf den Plätzen zu feiern", sagt sie. "Wir haben gesagt, das müssen wir hier eigentlich auch etablieren." Obwohl auf dem Theaterplatz dann doch weniger los ist als zum Beispiel auf dem Regensburger Bismarckplatz, den die Polizei wegen der Menschenmassen und damit nicht mehr einzuhaltenden Sicherheitsabstände zuletzt mehrmals räumen musste, wie die Freundinnen wissen.

Wäre da nicht Corona, würden die jungen Frauen jetzt noch weiterziehen. "Die Maßnahmen sind nicht schlimm, aber so ist es einfach entspannter", findet Sarah. Wobei - tanzen gehen würde sie schon gerne mal wieder. Lisa und Lena stimmen ihr zu.

Ein Party-Hotspot bleibt der Klenzepark. Wer nicht am Donaustrand sitzen will, hat es sich auf Bänken, Mauern oder im Rosengarten am Brunnen gemütlich gemacht - die Wiese ist zu feucht. Hier ist das Feiervolk mit Abstand am jüngsten, der Alkoholpegel bei vielen aber auch so hoch, dass ein vernünftiges Gespräch kaum mehr möglich ist.

Dennoch meldet die Polizei abgesehen von einigen betrunkenen Autofahrern keine nennenswerten Zwischenfälle. Ingolstadt hat am Wochenende friedlich gefeiert. So wie die neun Männer im Hindenburgpark, die um 1 Uhr nachts immer noch an den Tischtennisplatten anzutreffen sind. Sie halten sich an ihr Versprechen: Am Sonntagmorgen sind die Platten aufgeräumt.

Tanja Stephan
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