"Hauptsache, wir dürfen wieder hier sein"

21.09.2020 / 06:49
(ty) "Klar kann ich mich an meinen letzten Arbeitstag vor der Corona-Schließung erinnern, es war der Tag der Kommunalwahl." Sascha Lachner, Chef im Englwirt, wartet am Samstagabend auf die ersten Gäste.

Jetzt passt das Bild, wenn man durchs Kreuztor in die Altstadt fährt: Der Englwirt hat seit Samstag auch wieder geöffnet. (Autor: Konze)

Schankwirtschaften dürfen wieder öffnen. Sein Hygienekonzept steht, der Englwirt erstrahlt in neuem Glanz. Fehlen nur noch die Gäste. "Ich bin schon ein bisschen nervös", gibt er zu. "Ziemlich genau ein halbes Jahr hatten wir geschlossen. "

Um 20 Uhr geht es offiziell los, Lachner hat schon ein bisschen früher offen. Das Wetter passt, der vorerst wohl letzte laue Samstagabend lockt die Menschen in die Innenstadt. Andere Lokale - von der Griesmüller Altstadtbrauerei über das Touch Down bis hin zu den vielen Cafés und Restaurants - haben schon länger offen, die Außenplätze, auch die Biergärten, sind sehr gut besucht. Wer nicht sitzt, hat zumindest eine Eiswaffel in der Hand. Sehen und gesehen werden. So, als wäre nie etwas gewesen, was den Menschen den Samstagabend-Spaß vermiesen könnte. Autos passieren das Kreuztor, die bekannten Poser fahren vorbei. Und die Polizei passt auf: Erstaunlich viele Fahrzeuge sind immer wieder auch in der Fußgängerzone zu sehen.

Dann der erste Gast im Engl-wirt. Deutlich vor 20 Uhr. Markus Schmid aus Wettstetten macht mit seinem Sohn Maximilian eine Spezi-Pause. "Reiner Zufall, dass wir vorbeigekommen sind", sagt er. "Wir wollten eigentlich heimfahren. Aber wir haben einen Parkplatz in der Nähe gefunden, jetzt bleiben wir eine halbe Stunde. "

Eine Attraktion im Englwirt: der Kicker. "Da geht aber noch nichts", sagt Lachner. "Wie sollte das mit dem Hygienekonzept funktionieren? " Das mit dem gesperrten Kicker finden die zwei Stammgäste Christian und Gregor auch schade. "Zufrieden können wir eigentlich nicht sein, obwohl der Englwirt wieder offen hat. Wir spielen nämlich immer Kicker", betont Christian. Aber: "Hauptsache, dass wir wieder hier sein können. " Die ersten Wochen nach dem Lockdown blieb man vor allem zu Hause. Dann ging es in ihre Geheimtipps, ins Café Detter und ins Touch Down. Nun soll aber der Englwirt wieder "drei- oder viermal pro Woche" das Ziel sein.

Der Kickerraum hat ein neues Graffito. "Das hat unsere Mitarbeiterin Jasmin gemalt", verrät Lachner. Die Künstlerin muss auf Lob warten, bis wieder gespielt werden darf. Dagegen erstrahlt die Theke in neuem Glanz. "Da haben wir viel selber gemacht", betont der Chef. Regale und Bretter sind neu, die Bühne ist nun zehn Zentimeter niedriger. "Einige unserer Mitarbeiter sind handwerklich begabt. Wir haben keine Handwerker gebraucht. " Nach dem Mangosaft musste er kurz suchen, gibt er zu. Nicht weil er nun woanders steht, sondern weil er ihn ein halbes Jahr nicht gebraucht hat. Apropos Getränke: "Als der Bierwagen dieser Tage vor dem Haus stand, war es ein richtig schönes Gefühl." Und als er die Musikanlage laufen ließ, "hatte ich beim ersten Lied eine Gänsehaut, so schön war das".

"Bitte die Maske auch über die Nase ziehen" und "Ich weiß zwar, wer Du bist, aber des hilft nichts" sind zwei der wichtigsten Sätze an diesem Abend. Jeder Gast muss seine Daten hinterlassen , jeder muss die Maske ordentlich aufsetzen. Lachner sagt: "Wir tun wirklich unser Bestes, damit nichts passiert. Wir brauchen hier keinen Superspreader. " Im Englwirt sitzt eine Clique, die einen Tisch reserviert hat. "Gott sei Dank ist wieder geöffnet, wir haben den Englwirt sehr vermisst", sagen die Stammgäste Tom, Johnny und Marco, der als Mitveranstalter des Eichstätter Open Air und des Ingolstädter Open Flair Sehnsucht nach Veranstaltungen hat.

Sascha Lachner, Evi Lachner und Tinky haben viel zu tun. Je später der Abend, desto mehr Gäste. Vor dem Haus gibt es nur Sitzbänke ("Stühle bekommen Beine", so Sascha Lachner), wer keinen Platz findet und sein Bier draußen trinken will, steht eben auf dem Gehweg. "Vielleicht bekommen wir eine ab dem Kreuztor autofreie Zone hin", denkt Lachner laut. In anderen Städten würde so etwas ja auch funktionieren. "Das wäre super, da hätten wir viel mehr Platz vor dem Lokal. "

Aber auch mit den vorbeifahrenden Autos lässt es sich an diesem Samstagabend gut leben. Und wenn gegenüber auf einem Parkplatz vier junge Frauen aussteigen, ist es den vor dem Englwirt Sitzenden nicht unrecht. Kurzfristig legt sich eine Wolke aus Parfüm über das Pflaster und Smartphones leuchten auf. Schnell verlieren sich Gelächter und Stimmengewirr auf dem Weg Richtung Fußgängerzone. Und bald gibt es wieder andere Themen: Markus erzählt von seinem Sohn, der mittags im Fußballspiel ein Eigentor geschossen hat, andere schwärmen vom jüngsten Schwedenurlaub und den karibikgleichen Stränden.

Bettina und Christian aus Ingolstadt, ebenfalls Stammgäste, sitzen vor dem Haus. "Wir haben nicht geglaubt, dass wir ein halbes Jahr auf den Englwirt verzichten müssen. " Die zwei waren oft beim Essen, "öfters als sonst", und haben stets gehofft, dass ihr Stammlokal wieder aufmachen darf. Sie sind sich aber sicher: "Der tiefe Einschnitt in das gesellschaftliche Leben wird dauerhaft Spuren hinterlassen. 

Oliver Konze
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