Hat Ingolstadt seine Zukunft hinter sich?

19.03.2020 / 14:00
Automobilkrise, Corona-Epidemie, Neuwahlen: Die Stadt bewegt sich auf sehr dünnem Eis

(ty) Auch wenn es derzeit so aussieht, als konzentriere sich die ganze Angst der Ingolstädter Bevölkerung auf das unscheinbare Wort „Klopapier“, so gibt es ein Wort, das seit Jahrzehnten weitaus mehr dazu angetan ist, die Existenzängste einer ganzen Stadt auszudrücken: Detroit. Die einst blühende Stadt in den USA, die nach dem krisenhaften Niedergang der amerikanischen Automobilindustrie in Bedeutungslosigkeit und Armut versank, ist zum Mahnmal geworden für das jähe Ende kommunalen Wohlstandes.

„Bei uns kann das nicht passieren, so kann das bei uns nicht kommen“, war die stets bemühte Formel in Ingolstadt, um jede strukturelle Verwandtschaft von Ingolstadt mit der Stadt an der kanadischen Grenze zu leugnen. So kann das bei uns nicht kommen? Und doch kann es durchaus sein, dass Ingolstadt seine Zukunft hinter sich hat, dass die fetten Jahre der aufstrebenden Großstadt unwiederbringlich Vergangenheit sind. 

Und das hat mehrere Gründe. Auch wenn die finanzielle Hauptschlagader der Stadt, Audi und Volkswagen, auch in schwierigen Zeiten immer noch genug „Blut“ in die Kommune gepumpt hat, und das trotz Dieselkrise und Neuausrichtung auf die E-Mobilität, so ist ein in der Tat kritischer Punkt erreicht. Nach dem angekündigten Abbau von 9500 Arbeitsplätzen, was sicher noch nicht das Ende der Fahnenstange ist, liefert der Corona-Virus jetzt den nächsten Schlag. Kurzarbeit in allen Werken für eine noch nicht absehbare Zeit, Absatzeinbrüche weltweit und damit einhergehend ein vermutlich drastischer Gewinneinbruch, der Ingolstadt im Mark treffen könnte. 

Hinzu kommt durch den ausgerufenen Katastrophenfall und das Erlahmen des öffentlichen Lebens die berechtigte Sorge vor einer noch nie dagewesenen Pleitewelle in Einzelhandel und Gastronomie. Wie lange können Konzerne wie die angeschlagene Media-Saturn überleben, wenn europaweit die Läden zu sind, wie die vielen kleineren Geschäfte, wenn sie keine Einnahmen haben, aber laufende Kosten nicht nur für die mitunter horrenden Mieten? 

Der Chef des Handelsverbands Deutschland, Stefan Genth, warnt angesichts der Zwangsschließung aller für die Versorgung nicht notwendige Läden vor einer wahren Pleitewelle. Pro Tag fielen 1,15 Milliarden Euro Umsatz weg, so eine Einschätzung. Die Schließung der Geschäfte könnten die betroffenen Händler nicht lange aushalten. "Schon in drei bis vier Wochen wird es Insolvenzen geben", sagt er, „dauert der Shutdown acht Wochen, kann der Einzelhandel das nicht aushalten."

Noch nie in den zurückliegenden Jahrzehnten war Ingolstadt auf so dünnem Eis unterwegs. Und genau in dieser Situation übernimmt nach den Kommunalwahlen im Mai ein Stadtrat das Ruder, der zum einen aus vielen neuen und völlig unerfahrenen Mitgliedern besteht. Und der zum anderen durch die drastisch veränderten Mehrheitsverhältnisse künftig keine Entscheidungen erwarten lässt, die von wirtschaftlicher Kompetenz geprägt sind. Die Politik in Ingolstadt wird definitiv eine andere sein. Und während das für die einen ein positiv gemeintes Versprechen ist, kann es wirtschaftlich desaströse Folgen haben für die Stadt.

Nun steht auch noch die über die Corona-Epidemie fast vergessene Stichwahl für das Amt des Oberbürgermeisters an. Und dazu ein absolutes Novum. Denn noch nie gab es eine Wahl, die – wie die anstehende wegen der Corona-Epidemie – ausschließlich über den Weg der Briefwahl eine Entscheidung herbeiführt. Was das für den Ausgang der Wahl bedeutet, weiß heute noch niemand. Auch nicht, ob die Bürger mehrheitlich Willens sind, mitten in dieser folgenschwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg den amtierenden und im Katastrophenmanagement involvierten OB gegen einen unerfahrenen Neuling zu tauschen. 

Michael Schmatloch
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