Frühwarnsystem im Abwasser

22.07.2021 / 12:24
Mailinger Zentralkläranlage will ab Anfang August regelmäßig Proben auf SARS-CoV-2-Viren analysieren lassen
Kläranlage Mailing
Kläranlage Mailing
Coronaviren im Abwasser: Die Kläranlage Mailing will ab August regelmäßig Proben auf Virusbestandteile analysieren lassen. Und dafür in Vorleistung gehen. (Autor: Hammer)

(ty) Es ist ein Frühwarnsystem, das die Bestandteile des Coronavirus erkennt, bevor der Infizierte etwas von seinem positiven Befund ahnt oder Symptome spürt.

Denn bereits kurz nach einer Infektion ist das Virus in den menschlichen Ausscheidungen nachweisbar - auch, wenn der Infizierte symptomfrei ist. Man kann so Rückschlüsse auf die Dunkelziffer schließen, rechtzeitig erkennen, wann und wo die Fallzahlen steigen und in Zeiten mit geringen Infektionszahlen mit entsprechendem zeitlichen Vorlauf unentdeckte Covid-19-Hotspots ausfindig machen und reagieren. Bald auch in Ingolstadt.

Jetzt, wo die vierte Welle mit der hochansteckenden Delta-Variante auf uns zurollt, ist das Abwassermonitoring in der Politik angekommen. Die EU-Kommission empfiehlt den Mitgliedsstaaten, spätestens ab 1. Oktober ein Abwasserüberwachungssystem für SARS-CoV-2 einzurichten. Dazu soll das Abwasser von Kläranlagen für Großstädte mit mehr als 150000 Einwohnern mindestens zweimal pro Woche beprobt und analysiert werden. In Ingolstadt haben die Verantwortlichen der Zentralkläranlage (ZKA) großes Interesse an einem solchen Monitoring, ließ ein ZKA-Sprecher am Mittwoch auf Anfrage unserer Zeitung wissen. Wie er sagte, will die Mailinger Kläranlage das Abwasser ab Anfang August regelmäßig auf SARS-CoV-2 untersuchen lassen. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen den zuständigen Behörden - etwa dem städtischen Gesundheitsamt und dem Umweltamt - zur Verfügung gestellt werden.

Dass Abwasser viel über die Menschen, die es hinterlassen, erzählt, ist bekannt. Es kann Aufschluss geben über unseren Umgang mit Antibiotika. Die Rückstände sind im Abwasser nachweisbar - genau wie die anderer Medikamente oder Drogen. Oder das genetische Material von SARS-CoV-2, das mittels PCR-Technologie im Labor nachgewiesen werden kann.

Mailing ist eine von etwa 50 Kläranlagen, die im vergangenen Jahr testweise an einem Abwasser-Monitoring des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig bezüglich des Coronavirus teilgenommen haben. Die Probennahme lief über sechs Wochen. Vom 19. Oktober bis 27. November wurden an jedem Werktag Abwasserproben entnommen. "Das Institut konnte Virusbestandteile im Abwasser mit steigender Tendenz gegen Ende des Beprobungszeitraums nachweisen", so die Antwort aus der Zentralkläranlage auf die Frage nach dem Ergebnis. Demnach sei es prinzipiell möglich, Virusbestandteile im Abwasser nachzuweisen. "Die Aussagekraft der durch das Monitoring gewonnenen Daten war damals zu gering, da keine Virusfrachten beziehungsweise tatsächlichen Infektionszahlen berechnet werden konnten." Das Forschungsvorhaben sei aufgrund logistischer Herausforderungen beendet worden.

Mittlerweile haben sich die Analysemethoden und damit die Auswertung verbessert. Laut René Kallies, Virologe am Helmholtz-Zentrum, mache eine Beprobung Sinn - insbesondere über einen längeren Zeitraum. Man könne dadurch sehen, in welchem Stadtteil findet die Infektion statt, sagte er im Gespräch mit dem DK. Die Ergebnisse zeigen einen Trend. "Wenn wir eine Zunahme der Inzidenz haben, dann sehe ich das im Abwasser." Der zeitliche Vorlauf sei unterschiedlich. Während man im Berchdesgadener Land die Infektionen im Abwasser mit zehn Tagen Vorlauf bemerkt habe, könnten es an anderer Stelle - etwa, wo die Menschen besonders viele Coronatests machen - nur zwei oder drei Tage sein. Man bemerke die Zu- oder Abnahme "ein Stück weit früher", so Kallies. Die Aussage, der Vorlauf betrage 14 Tage, sei "gewagt". Dennoch: Die jetzige EU-Empfehlung sei "das absolute Minimum", findet der Virologe. Der Preis in einem dafür ausgestatteten Labor liege pro Probe bei zwischen 200 und 750 Euro.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass angesichts der vergleichsweise niedrigen Kosten im dreistelligen Bereich der politische Wille fehlen sollte", schrieb ÖDP-Stadtrat Fred Over an den Vorsitzenden des Zweckverbandes Zentralkläranlage, OB Christian Scharpf, und ZKA-Betriebsleiter Wolfgang Gander. Die ÖDP hatte im Mai ein Abwasser-Monitoring als Corona-Frühwarnsystem beantragt. Over verwies auf gute Erfahrungen der Kläranlage Schweinfurt. Dass das Anliegen der ÖDP Gehör findet, dürfte ihn freuen.

Wer für das Monitoring zuständig ist und wer es finanziert, darüber wird in Deutschland gerade diskutiert. Die Mailinger Kläranlage wird in Vorleistung gehen, so der Kläranlagen-Sprecher zum DONAUKURIER. "Entsprechend der Ergebnisqualität kann die Häufigkeit der Abwasseruntersuchungen abgeleitet werden." Zudem könne beurteilt werden, "ob eine Ausdehnung auf lokale Einrichtungen oder Stadtteile sinnvoll sei, um das Infektionsgeschehen besser einzuschätzen".

Ruth Stückle

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