Bedrohliche Stimmen und Verfolger im schwarzen Pulli: Erlebnisausstellung „Voiceover“ bei Edeka

Eva-Bulling-Schröter von Stimmen verfolgt

12.05.2022 | Stand 12.05.2022, 19:12 Uhr
Die Politikerin Eva Bulling-Schröter beteiligte sich am Erlebnisprojekt „Voiceover“. Während sie ständig Stimmen über Kopfhörer wahrnahm, sollte sie einkaufen und wurde gleichzeitig von einer Person verfolgt.  −Foto: Caritas/Esser

Wie fühlt es sich an, an einer Psychose mit Wahnvorstellungen zu leiden? Dazu haben zahlreiche Einzelpersonen und Gruppen heute bei der Erlebnisausstellung „Voiceover“ beim Edeka Ordosch in der Ingolstädter Fußgängerzone einen Eindruck erhalten. Sie hörten über Kopfhörer mehrere bedrohliche und absurde Stimmen auf einmal und durcheinander. Gleichzeitig sollten sie innerhalb von 20 Minuten verschiedene Einkäufe tätigen. Dazu wurde ihnen ein Einkaufszettel ausgehändigt. Unter den „Probanden“ war unter anderen die Ingolstädter Stadträtin Eva Bulling-Schröter (Die Linke).

„Wir kriegen dich, wir finden dich“
„Du bist reine Platzverschwendung! Hast du zu Hause auch den Herd ausgemacht? Vergiss die Nudeln nicht schon wieder!“, warnt eine Stimme. „Es ist Nebel, wolkengrau“, setzt eine andere ein, woraufhin wiederum eine andere Stimme droht „Wir kriegen dich, wir finden dich“ und schließlich beleidigt: „Loser. Nicht einmal lesen kannst du! Du vergisst immer etwas. Ist das peinlich. Wie kannst du nur so schusselig sein!“ Gleichzeitig wird man immer wieder von einer Person in einem schwarzen Pulli beobachtet und dann auch verfolgt. Die Person schmeißt Artikel in den Warenkorb, die gar nicht auf der Einkaufsliste stehen und zerreißt einem vor den Augen einen Karton.

„Ist das schwer“, seufzt Eva-Bulling-Schröter. Man merkt ihr an, dass sie sich kaum aufs Einkaufen konzentrieren kann. In einer späteren Reflexionsrunde mit verschiedenen Beraterinnen und Beratern von psychisch kranken Menschen gesteht sie: „Es war eine spannende, aber auch erschreckende Erfahrung. Ich stand zweimal kurz davor, alles hinzuschmeißen. Jetzt kann ich besser nachvollziehen, wie es Menschen ergeht, die sich ständig beobachtet fühlen.“ Die Politikerin wünschte sich, „dass mehr Entscheidungsträger einmal diese wichtige Erfahrung machen, damit sie wissen, worüber sie reden, wenn es um psychische Erkrankungen geht“. Auch Vanessa Reich, eine andere Teilnehmerin am „Voiceover“, gestand nach dem Einkaufsdurchlauf, „ein erhöhtes Stresslevel“ verspürt zu haben. „Ich kam immer mehr ins Schwitzen“, erzählte sie und bemerkte: „Für die Betroffenen ist das die Hölle!“

Denn während die Probanden am heutigen Tag die Stimmen nur kurze Zeit hörten und anschließend darüber reflektieren konnten, „können das die Betroffenen in der Realität nicht. Sie können die Stimmen nicht einfach abstellen“, stellte Silke Felsmann von der Beratungsstelle für psychische Gesundheit der Caritas-Kreisstelle Ingolstadt, klar. Dennoch seien sie nicht hilflos. Zum einen, so Felsmann, könne man an einer Psychose leidende Menschen – wie andere psychisch kranke Personen – medikamentös gut einstellen. Zum anderen kann ihnen laut Frank Mronga, Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes der Caritas-Kreisstelle Eichstätt, geholfen werden, wenn Beraterinnen und Berater sie ernst nehmen, sich für sie Zeit nehmen, um eine Beziehung zu ihnen aufzubauen und um zu versuchen, die Stimmen unter Kontrolle zu bekommen – zum Beispiel nach dem Motto „O.k., Ihr Stimmen dürft kommen, aber erst später!“ Beratende sollten keine Scheu haben, mit den Betroffenen entsprechende Methoden zu entwickeln, so Mronga. Andrea Ploß von der Ingolstädter Caritas-Beratungsstelle betonte: „Es ist ganz wichtig, das Vertrauen der Betroffenen zu gewinnen, weil es sich oft um Personen handelt, die misstrauisch sind.“

Als Kooperationsprojekt durchgeführt
Das Projekt „Voiceover“ haben Studenten der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ) Eichstätt entwickelt. Es wurde heute als Kooperationsprojekt der Sozialpsychiatrischen Dienste der Caritas in Ingolstadt und Eichstätt, der Gesellschaft Regenbogen Wohnen, des Fördervereins für psychisch kranke Menschen „Insel“, der Lebenshilfe Werkstätten und der KSJ durchgeführt. (ty)