FWler haben die bedeutungsschwangeren Strickkleider von den Bäumen hinter der Tränktorkaserne entfernt

Eine tolle Masche der Freien Wähler

24.11.2022 | Stand 24.11.2022, 14:42 Uhr
−Foto: Schmatloch

Von Michael Schmatloch

Kaum ein Strickkleid hat sich je so bezahlt gemacht wie die, mit denen die Ingolstädter Freien Wähler die Bäume hinter der Tränktorkaserne im Oktober 2020 verhüllt hatten, um mit der Aufsehen erregenden und viel diskutierten Aktion darauf aufmerksam zu machen, dass diese Bäume den an der Schutterstraße geplanten Kammerspielen weichen sollten. Heute nun nahmen die FWler diese „Kleidchen“ wieder ab, um sie nach eingehender Reinigung einem nachhaltigen Zweck zuzuführen. Sie haben ihren Zweck erfüllt, die Kammerspiele sind Geschichte. Es war, um im Bild zu bleiben, eine tolle Masche der FW.

Anfangs wurde die Strickaktion von den Kammerspiel-Befürwortern noch belächelt und mit ätzendem Spott bedacht. Am Ende des Tages indes haben sie ihren Dienst mehr als erfüllt. Denn sie brachten jene Diskussion ins Rollen, an deren Ende die Pläne per Bürgerentscheid gekippt worden waren, an dieser Stelle die umstrittenen Kammerspiele zu errichten.

Diese Pläne sind wie gesagt längst Geschichte. Die Stadtspitze und große Teile des Stadtrates haben sich von den Schanzer Bürgern, die diesen Kammerspielbau mit einer alle Erwartungen übertreffenden Mehrheit abgelehnt hatten, eine schallende Ohrfeige eingefangen.

Und nicht nur eine. Denn an dem großen Tag der Bürgerentscheide erlitt auch gleich noch die Mittelschule Nordost, die im zweiten Grünring am Augraben geplant war, massiven Schiffbruch. In beiden Fällen haben die Bürger gegen den Stadtrat und für die Freien Wähler im einen, die ÖDP und Bund Naturschutz im anderen Fall entschieden.

Die Causa Kammerspiele – den Namen möchte von den einstigen Befürwortern eigentlich keiner mehr in den Mund nehmen – mutet beinahe an wie eine auf lokalpolitische Dimensionen heruntergebrochene Chaostheorie. Die Chaostheorie, ein Teilbereich der Physik, beschäftigt sich bekanntlich damit, wie geringfügige Änderungen der Anfangsbedingungen dramatische Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Ereignisse haben können.

Im Fall der Kammerspiele an der Schutterstraße war der Plan geboren worden, als die CSU noch voll im Saft stand, nahezu ungehindert an den Hebeln der Macht spielen durfte und die Freien Wähler beruhigend hinter sich wusste. Doch mit der letzten Kommunalwahl haben sich diese Anfangsbedingungen eben dramatisch geändert. Die CSU fliegt seit der verlorenen Wahl weit unter dem politisch wahrnehmbaren Radar, die SPD hat sich aufgrund der neuen Machtverhältnisse als willfähriger Hüter von Christian Lösels Erbe entpuppt. Ja und die Freien Wähler, die bis dahin im Windschatten der CSU unterwegs waren, die waren nun auf einmal – wie der Name sagt – frei. Und diese Freiheit nutzen sie für etwas, was sie niemals getan hätten, wären die Wahl anders, zugunsten der CSU ausgegangen.

Allen voran entpuppte sich – dieses Sprachbild drängt sich auf – der Fraktionschef der FW als schmerzender Stachel im Gesäß der Stadtoberen. Auch wenn das Bürgerbegehren in der Hauptsache von den Freien Wählern als Verein und nicht von der Stadtratsfraktion getragen wurde, so war Hans Stachel schon der Spiritus Rector dieser Aktion, die ja nicht nur den Bau der Kammerspiele letztlich verhindert hat, sondern einen nicht zu unterschätzenden Imagegewinn für die FW bedeutet. Und den hätte es – nebenbei bemerkt – nicht gegeben, wäre die CSU am Ruder geblieben. Denn dem großen schwarzen Bruder hätte die FW sicherlich nicht ernsthaft weh getan.