Nesrin Yilmaz hat sich von Mary Shelleys Roman inspirieren lassen und will den Tourismus ankurbeln

Eine Kreatur für Ingolstadt

10.06.2022 | Stand 10.06.2022, 9:49 Uhr
−Foto: privat

Von Suzanne Schattenhofer

Sie ist geradezu besessen von ihrer Kreatur. Seit Jahren schon tüftelt sie an ihr herum, macht Entwürfe und verwirft sie wieder. Etwas animalisch soll sie aussehen, aber auch wie ein bemitleidenswertes, ausgestoßenes Wesen. Um ein Bild von ihrem Geschöpf heraufzubeschwören, hat Nesrin Yilmaz den berühmten Roman von Mary Shelley aus dem Jahr 1818 mehrfach gelesen, ist eingetaucht in die mystische Welt der einst berühmten Universität Ingolstadt.

Seit dem Ausbruch von Corona ist das Café „Aroma“ im Klinikum geschlossen: Die Pandemie hatte Wirtin Yilmaz mit einem Schlag ausgebremst. Nichtstun – das kannte und konnte sie nicht. So verfolgte sie zielstrebig ein Projekt, das sie bereits seit 2018 beschäftigte. Damals war eine Cousine aus Istanbul zu Besuch in Ingolstadt. Nesrin Yilmaz hatte ihr alle Sehenswürdigkeiten gezeigt, sogar das Armeemuseum. Zurück in Istanbul rief die Verwandte an und beschwerte sich: „Warum habe ich nichts von diesem Frankenstein gesehen?“ Sie hatte das Buch auf Türkisch gelesen und war auf Ingolstadt gestoßen.

Der Gedanke ließ die ehemalige CSU-Stadträtin nicht mehr los: Warum schöpft Ingolstadt das touristische Potenzial rund um die weltweit berühmten Romanfiguren des Dr. Viktor Frankenstein und seiner Kreatur bis heute kaum aus? Diese Frage hatte in der Vergangenheit beispielsweise auch schon John Quinn, Chef von Value Retail und Ingolstadt Village, umgetrieben. Es gibt eine Stadtführung zu den Schauplätzen des Romans. Oder eine blutrote Eissorte. Auf der Landesgartenschau konnten sich Besucher auf der Bank neben dem Monster fotografieren lassen. Aber es existiert noch kein Frankenstein-Package für Touristen aus dem In- und Ausland.

Da geht noch was, findet Nesrin Yilmaz, die auch den Innenstadt-Prozess begleitet hat und im Vorstand des örtlichen Hotel- und Gaststättenverband ist. Also hat sie die Ärmel hochgekrempelt und sich ans Werk gemacht: „Ich bin ja Wirtin und keine Künstlerin – aber eine Handwerkerin“, sagt sie und erzählt vom ersten Exemplar, das sie aus Holz geschnitzt hat. Es folgten weitere Entwürfe, manche ähnelten dem bekannten Boris-Karloff-Monster zu sehr und es drohte Ärger mit Hollywood. Sogar einen Anwalt hat Yilmaz eingeschaltet – sicher ist sicher. 

So ist sie tief eingetaucht in die Geschichte, die auf der ganzen Welt bekannt ist: Nesrin Yilmaz schwebt eine Figur vor, identitätsstiftend wie beispielsweise die lebensgroßen, bunt gestalteten Löwen in München, die als Hingucker an belebten Plätzen oder vor Gaststätten stehen. Seit März vorigen Jahres hat das Projekt Fahrt aufgenommen. Yilmaz hat mit der IFG, dem Kulturamt, dem Intendanten des Theaters, mit Stadträten gesprochen und zugleich weiter an ihrem Geschöpf gearbeitet, das bis zur Vorstellung am Donnerstag, 23. Juni, im DistrictV (18 Uhr, Donaustraße 3) streng geheim bleiben soll: „Victors Kreatur – endlich dahome in Ingolstadt“, steht auf der Einladung. „Es gibt 50 Zentimeter große Figuren, Kühlschrank-Magneten und Kerzen, von denen die IFG 400 Stück bestellt hat, um sie an Teilnehmer des Wissenschaftskongresses zu verteilen“, erzählt Yilmaz. Souvenirs aus Ingolstadt – made in Ingolstadt.

Im Mittelpunkt ihres Projekts steht eine zwei Meter große Figur – in weiß, sodass sie jeder nach eigener Fantasie gestalten kann. Nesrin Yilmaz stellt sich vor, dass Unternehmen ihre Kreatur individuell gestalten und es einen Wettbewerb um das schönste Exemplar gibt. „Das könnte dann zentral auf dem Rathausplatz aufgestellt werden und andere verteilt über die ganze Stadt: Die Kreatur muss überall sichtbar sein.“ Yilmaz liebäugelt zum Beispiel auch mit einem Frankenstein-Festival im November in der Innenstadt: „Ideen sind genug da, es fehlt nur am Geld.“

Jetzt muss sie erst einmal ein paar hundert Kerzen gießen: In der Schlosserei ihres Bruders riecht es nur noch nach Wachs. Die ganze Wohnung sieht aus wie ein Souvenirladen, und ihr Sohn hat sie schon gefragt: „Wann zieht diese Kreatur endlich aus?“