Die Rentnerwelle rollt

15.01.2020 / 10:03
Anpassungen bei den Arbeitsplätzen werden in den nächsten Jahren zum großen Teil durch Ruhe- und Vorruheständler möglich sein
Rentner
Rentner (Autor: Rainer Sturm / pixelio.de)

(ty) In knapp 20 Jahren wird Ingolstadt rund 147 000 Einwohner haben. So jedenfalls sieht es das Landesamt für Statistik in seinen Prognosen für die Schanz. Die Berechnung geht von einem deutlichen Rückgang der Zuwanderung aus. Demnach soll das Bevölkerungswachstum in den nächsten 20 Jahre bei nur noch rund 10 000 Einwohnern liegen. Nur noch, weil es in die vergangenen 20 Jahre mehr als 23 000 Einwohner betragen hatte. 

Am 31. Dezember 2011 lag die Einwohnerzahl in Ingolstadt laut Melderegister bei knapp 126 500 Personen. Zum 31. Dezember 2019 betrug sie rund 138 700 Einwohner. Um etwa 12 200 oder knapp 10 Prozent ist die Stadt in nur acht Jahren gewachsen. Das bedeutet ein durchschnittliches jährliches Wachstum von über 1500 Einwohnern oder 1,2 Prozent. 

Ingolstadt ist im Jahr 2019 laut Melderegister zwar nur noch um 535 Einwohner gewachsen, nach mehr als 1700 Einwohner Wachstum im Vorjahr. Berücksichtigt man allerdings die Sonderentwicklung im Bereich Flucht und Asyl – hier gab es einen Rückgang der Personen um 461 – wäre die Bevölkerung ohne diese Sonderentwicklung sogar um rund 1000 Personen angewachsen und wäre auf knapp 139 200 gestiegen. 

Über viele Jahre und Jahrzehnte spielte der natürliche Saldo – die Differenz aus Geburten und Sterbefällen – bei der Einwohnerentwicklung kaum eine Rolle. Das Bevölkerungswachstum war fast ausschließlich durch Differenz aus Zuzügen und Wegzügen bestimmt. Erst mit dem Beginn höherer Geburtenzahlen ab 2013 und dann besonders ab 2014 stieg der natürliche Saldo, weil die Anzahl der Sterbefälle nur geringfügig höher wurde. Seit 2014 beträgt der Anteil des Saldos aus Geburten und Sterbefällen – der Geburtenüberschuss – mehr als 20 Prozent des Bevölkerungswachstums, im letzten Jahr aufgrund des geringeren Wanderungssaldos sogar 29 Prozent. 

Das Bayerische Landesamt für Statistik berechnet jedes Jahr eine Bevölkerungsvorausberechnung für alle Kreise Bayerns. Ingolstadt wäre in knapp 20 Jahren demnach bei rund 147 000 Einwohnern, ein Anstieg um rund 10 000 Personen verglichen zum Ausgangsbestand von 2018. Diese Berechnung geht von einem deutlichen Rückgang der Zuwanderung nach Ingolstadt aus, was auch für ganz Bayern gilt. Das Landesamt für Statistik sieht das Wachstum der nächsten 20 Jahre bis 2038 bei rund 10 000 Einwohnern, 1998 bis 2018 – also die vergangenen 20 Jahre – betrug das Wachstum der Stadt mehr als 23 000 Einwohner. 

Die Zunahme der Bevölkerung bis 2038 um 10 000 Einwohner wird nach den Annahmen und Berechnungen des Landesamts für Statistik von einem Wanderungsüberschuss von 6 200 Personen und einem Geburtenüberschuss von rund 3800 Personen gespeist. Fast 40 Prozent des Bevölkerungszuwachses geht also auf das Konto der noch anhaltend hohen Geburtenzahlen und der nur mäßig steigenden Zahlen der Sterbefälle. 

Wie werden sich voraussichtlich die Zahlen der Kinder unter 10 Jahren entwickeln? Wie werden sich die hohen Geburtenzahlen seit 2013 auf die Kinderzahlen in Ingolstadt auswirken? Diese Fragen sind deshalb besonders interessant, weil der Bau, die Erweiterung und der Betrieb von Krippen, Kindertagesstätten und Grundschulen von diesen Zahlen abhängt. 

Die Modellrechnungen des Landesamts für Statistik dürfen dabei nicht als Prophezeiung betrachtet werden. Es sind Berechnungen aufgrund von Entwicklungen der Vergangenheit, der aktuellen Geschlechts- und Altersstruktur der Kreise, des Landes und der Bundesrepublik Deutschland, kombiniert mit Trends, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten werden. 

Die Zahlen der Kinder war seit 1998 bis 2013 relativ konstant auf etwa gleichem Niveau waren, die Kinder von 6 bis unter 10 Jahren bei 4600 bis 5000 Kinder, die unteren Altersgruppen bei rund 3500 Kindern. Mit dem Anstieg der Geburten ab 2013 von früher rund 1100 bis 1250 auf über 1600 im Jahr 2018 stieg zuerst die Zahl der unter Dreijährigen (Kinderkrippen), drei Jahre später ab 2016 auch die Zahl der Kindergartenkinder von 3 bis unter 6 Jahren. 

Die Zahl der Kinder unter 6 Jahren wird wegen des Geburtenbooms noch einige Jahre weiter steigen, ab etwa 2024/25 sinkt sie langsam bis 2038 auf ein Niveau von 4200, das deutlich über dem Niveau von 3500 Kindern aus dem Jahr 2013 liegt. Dadurch, dass sich die höheren Geburtenzahlen seit 2013 erst mit einer Verzögerung von 6 bis 9 Jahren in der Grundschule niederschlagen, ist der Geburtenboom bei den Grundschulen noch gar nicht angekommen, sondern wird die nächsten Jahre bis 2026 einen Anstieg von 4800 auf 6000 Schüler bedeuten. Dieses hohe Niveau wird bis 2030 gehalten, um dann ganz langsam bis 2038 auf etwa 5600 Kinder zu sinken, immerhin noch 600 mehr als es derzeit sind. 

Wie viele Menschen ziehen nach Ingolstadt und wie viele ziehen weg? Der Wanderungssaldo hängt wesentlich von der Arbeitsplatz-, Ausbildungs- und Studiensituation ab. Gerade der Dieselskandal und die Umstellung auf alternative Antriebsformen in der Automobilindustrie treffen Ingolstadt sehr stark, Arbeitsplatzverluste und die darauffolgende Abnahme oder Stagnation der Einwohnerzahlen wird vielfach befürchtet. 

Tatsache ist, dass es in den Jahren 2011 bis 2016 mit über 22 000 Stellen ein sehr starkes und dynamisches Arbeitsplatzwachstum (fast 4 000 pro Jahr) gab. Ab 2017 ist das Arbeitsplatzwachstum zwar auch noch beachtlich gewesen, aber es kühlte sich doch schon etwas ab. Von 2018 bis 2019 waren es dann nur noch 500 Arbeitsplätze mehr. Die Situation eines mäßigen Arbeitsplatzwachstums gab es aber auch schon in den Jahren 2008 bis 2010. 

Ingolstadts Arbeitsmarkt wuchs bis jetzt trotz Automobilkrise. 

Auch wenn zukünftig Arbeitsplätze in der Automobilindustrie verloren gehen sollten, heißt das noch nicht automatisch, dass es zu einem Wegzug von Einwohnern kommen muss. Dazu ein Exkurs zu den Bevölkerungsvorausberechnungen der Einwohner von 60 bis unter 70 Jahren, also der Altersgruppe, die in den nächsten Jahren in den beruflichen Ruhestand treten wird. In den nächsten rund 15 Jahren wird sich die Zahl der Einwohner von 60 bis unter 65 Jahren und von 65 bis unter 70 Jahren durch die Alterung der jetzt 50- bis unter 60-Jährigen stark erhöhen und damit auch die Zahl der Beschäftigten, die in den Ruhestand treten werden. Die Zahl der 60- bis unter 65-Jährigen wird sich bis 2027 um rund 1200 Personen auf rund 9000 erhöhen, die Zahl der 65 bis unter 70-Jährigen steigt um fast 2000 Personen bis 2032 auf 8400 an. Anpassungen bei den Arbeitsplätzen in der Automobilindustrie werden in den nächsten 10 bis 15 Jahren zu einem großen Teil durch Ruhe- und Vorruheständler möglich sein. Andernfalls droht ein massiver Fachkräftemangel. 

Die Bevölkerungsvorausberechnung des Landesamts für Statistik ist nur eine Variante möglicher Entwicklungen, man kann sich auch mehr zurückhaltende oder auch progressivere Szenarien vorstellen.  Ziel der Bevölkerungsvorausberechnung ist nicht, die genauen Einwohnerzahlen exakt zu prognostizieren, Ziel ist vielmehr, wahrscheinlich eintretende demografische Veränderungen sichtbar und dadurch für planende und politische Entscheidungen gewinnbringend nutzbar zu machen. 

Die vorhersehbaren und voraussichtlich auch eintretenden Auswirkungen der zahlenmäßigen Trends bei den unter Zehnjährigen und den Einwohnern von 60 bis unter 70 Jahren erfordern Anpassungsstrategien, sei es bei der Kinderbetreuungs- und Grundschul-Infrastruktur oder auch in einer vorausschauenden Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik. 

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