In Ingolstadt kriegt sogar Gott Ärger

20.06.2019 / 07:00
Missionswerk Immanuel will in Ingolstadt das Wort Gottes verkünden - doch es gibt Ärger und harte Vorwürfe (zy) Sie sind gekommen, um das Wort Gottes zu verkünden. "Jesus ruft Dich", steht auf dem Zelt des in Freiburg ansässigen Missionswerks Immanuel, das am Mittwochnachmittag noch in Einzelteilen in einem Lkw lagerte.

Missionswerk Immanuel will in Ingolstadt das Wort Gottes verkünden - doch es gibt Ärger und harte Vorwürfe

(zy) Sie sind gekommen, um das Wort Gottes zu verkünden. "Jesus ruft Dich", steht auf dem Zelt des in Freiburg ansässigen Missionswerks Immanuel, das am Mittwochnachmittag noch in Einzelteilen in einem Lkw lagerte. Eigentlich wollen die Christen ab dem heutigen Donnerstag jeden Abend um 19 Uhr in das Zelt zum Gottesdienst einladen. Doch die Mission droht zu einem Ärgernis mit politischer Dimension zu werden. Die Stadtverwaltung sieht sich auf einmal dem Vorwurf von Anti-Ziganismus und Rassismus ausgesetzt. Denn die Vertreter des Missionswerks - sie zählen sich zur Volksgruppe der Sinti - fühlen sich diskriminiert. Grünen-Politiker vermuten in Pressemitteilungen sogar "Institutionellen Rassismus in Ingolstadt". Harter Tobak, der am Mittwoch den baden-württembergischen Landesverband der Sinti und Roma auf den Plan rief. Auch die Badische Zeitung berichtet über den Fall. Die Stadt weist den Vorwurf des Rassismus entschieden zurück.

Doch was ist eigentlich passiert? Das Zeltmissionswerk hat für die Zeit von 15. Juni bis 1. Juli bei der Stadt eine Sondernutzungserlaubnis für ihre Christliche Zeltmission beantragt, die die freikirchliche Vereinigung etwa viermal im Jahr für jeweils zwei Wochen in verschiedenen Städten Deutschlands durchführt. Nächste Station nach Ingolstadt ist Augsburg. Das städtische Gartenamt hat der Zeltmission in Ingolstadt eine Grünfläche im Wohngebiet Hollerstauden, in der Nähe der Freien Baptistengemeinde, zugewiesen. Die städtische Genehmigung umfasst das Aufstellen eines 10 mal 25 Meter umfassenden Zeltes sowie von Dixie-Toiletten, Wohnwagen und Wohnmobilen. Sogar ihre Müllcontainer haben die Vertreter des Missionswerks selbst mitgebracht. 425 Euro hat die Vereinigung für die Nutzung der Fläche bezahlt. Am Samstag haben die Christen ihr Zeltlager bezogen. Doch seit Dienstagfrüh gebe es laut Daniel Kobi, einer von drei mitgereisten Pastoren, Probleme. Zuerst mit offenbar einzelnen Anwohnern, die das Zeltlager, wie berichtet wird, demonstrativ gefilmt oder fotografiert und die Christen zum Teil angeblich provoziert und beschimpft hätten. Dann mit dem städtischen Gartenamt, das den Standort trotz zuvor erteilter Genehmigung plötzlich für nicht mehr geeignet hält. Die Probleme, sagen Kobi und die beiden weiteren Pastoren Amir Kouschesch und Remus Steinbach, hätten angeblich angefangen, nachdem bekannt worden sei, dass sich in dem Missionswerk Sinti engagieren. "Wir sind deutsche Sinti, leben seit über 600 Jahren in Deutschland, gehen hier zur Schule und zur Arbeit und zahlen unsere Steuern wie jeder andere auch", so Kouschesch.

Jedenfalls entstand bei den Missionierern der Eindruck, dass sie von der städtischen Grünfläche vertrieben werden sollen. Der Vertreter des Gartenamtes, der die Genehmigung zuvor ausgestellt hatte, habe ihnen plötzlich mitgeteilt, sie müssten den Platz sofort verlassen, erzählt Kobe. Zudem seien am Dienstag nicht nur die parkenden Autos mit Strafzetteln versehen worden, plötzlich sei die Polizei in der Zeltstadt aufgetaucht. "Wir haben ihnen unsere Genehmigung gezeigt, dann haben sie gesagt, das ist in Ordnung, ihr könnt dableiben", erzählt Kobe. Die Polizisten seien sehr freundlich gewesen.

Der jetzt aufgekommene Ärger beruhe auf einem Missverständnis bei der Genehmigung, erklärt die Stadtverwaltung über Sprecher Michael Klarner und widersprach der Darstellung der Pastoren in aller Deutlichkeit. "Es ist nicht richtig, dass die Mitglieder des Missionswerks Immanuel diskriminiert werden, weil es sich um Angehörige der Volksgruppe der Sinti handele. Die Volkszugehörigkeit spielt bei städtischen Entscheidungen generell keine Rolle. " Die Polizei sei auch nicht im Auftrag der Stadt gekommen. "Entsprechende Behauptungen sind falsch. "Tatsächlich sei der Polizeieinsatz im Umfeld des Geländes durch den Anruf eines Anwohners ausgelöst worden.

Der städtische Pressesprecher erklärt, das Missverständnis liege in der Anzahl der begleitenden Wohnwagen und Wohnmobile. "Während das Gartenamt von wenigen Wagen ausgegangen war, sind tatsächlich rund 30 Wohnwagen angereist. Hierfür ist die ursprünglich genehmigte Fläche aber bei weitem nicht ausreichend. " Laut Klarner sei das Gartenamt mit Grundstückseigentümern in Kontakt. Rund 40 Grundstücke seien für einen anderen Standort in Betracht gezogen worden. Eine Lösung habe sich noch nicht abgezeichnet - "die Suche wird fortgesetzt".

Auf der Grünfläche an dem bekannten trockenen Bachlauf entlang der Adam-Smith-Straße steht Wohnwagen an Wohnwagen. Es sieht alles geordnet aus, die hier für die Zeit ihrer Mission lebenden Menschen wirken freundlich. Dass der Standort zu eng sein soll, erschließt sich dem Besucher nicht automatisch. Mittlerweile, meinte Pastor Kobe am Mittwochnachmittag, sei es für einen Umzug ohnehin zu spät. Roberto Paskowski vom Sinti Kultur- und Bildungsverein Ingolstadt, der im Auftrag des Landesverbandes der Sinti und Roma die Zeltmission besuchte, meinte: "Ich empfehle, hierzubleiben und das Zelt aufzubauen. Ihr habt einen eindeutigen Vertrag. "

Schwere Anschuldigungen gegen die Stadt von der früheren Bundestagsabgeordneten Agnes Krumwiede, jetzt Bezirksvorsitzende der Grünen, und dem Grünen Europaabgeordnetem Romeo Franz begleiten die Angelegenheit. Während Europaparlamentarier Franz mutmaßt, die Missionierer würden "anscheinend aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit als Sinti von den Ingolstädter Behörden schwer diskriminiert", wettert Krumwiede: "Die Stadt vermietet regelmäßig an die revisionistische zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt (ZFI). Aber eine Missionsgruppe der Sinti soll trotz Nutzungsvertrag von der gemieteten Fläche vertrieben werden. "

Von Ruth Stückle

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